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Wehrpflicht 2.0 - Soziales Engagement wird eh überbewertet.

Aktualisiert: 26. Juni 2025

von Joana Zimmermann



Während öffentlich breit über die Rückkehr der Wehrpflicht diskutiert wird, bleibt das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) meist im Schatten. Dabei hängen beide Konzepte enger zusammen, als viele denken: Mit der Aussetzung der Wehrpflicht 2011 verschwand auch der verpflichtende Zivildienst – zurück blieben soziale Einrichtungen mit massiven Personallücken, die durch das FSJ notdürftig gefüllt werden sollten. Freiwillig, schlecht bezahlt, kaum anerkannt.

Seitdem ist das FSJ die stille Lücke im System. Und das, obwohl seine Bedeutung wächst – nicht nur für die Einrichtungen, sondern für unsere Demokratie. Denn während man heute bereit ist, über die Rückkehr einer allgemeinen Wehrpflicht mit bis zu 1.800 Euro Monatsvergütung zu reden, dümpelt das FSJ bei ein paar Hundert Euro Taschengeld dahin. Die Botschaft ist klar: Der Dienst an der Waffe ist offenbar mehr wert als der Dienst am Menschen. Und das ist keine bloße Symbolik – das ist politische Realität.


Jüngst wurde erneut ein "Planungs- und Beschleunigungsgesetz" vorgestellt, das u. a. die Bundeswehr bevorzugt. Damit sollen Kasernen schneller gebaut, Bau- und Umweltrecht für Militärprojekte gelockert und Vergaberegeln angepasst werden. Diese Sonderbehandlung gibt es exklusiv fürs Militär – nicht für Jugendzentren, Pflegeheime oder Kitas, in denen dringend Hilfe gebraucht wird. Während für die Bundeswehrinfrastruktur Milliarden mobilisiert werden, bleibt ein „Beschleunigungsgesetz“ für Freiwilligendienste weiterhin aus.

Dabei liegt längst ein starkes Signal auf dem Tisch: Die Petition der Initiative „Freiwilligendienst stärken!“, 2023 eingereicht, forderte u. a.:


  • Verdreifachung der Mittel durch Bund und Länder

  • Taschengeld angelehnt an den BAföG-Höchstsatz + Inflationsausgleich

  • Kostenlose Nutzung von Nah- und Fernverkehr

  • Anrechnung auf Studium/Ausbildung (Pflichtpraktikum, Wartesemester)

  • Besserer Zugang zu Wohngeld

  • Keine Anrechnung des Taschengeldes auf Unterhalt und Sozialleistungen

  • Rechtsanspruch auf Freiwilligendienste

  • Vielfältiges Platzangebot

  • Bessere Finanzierung von Bildungsseminaren


Das ist kein übertriebener Wunschkatalog – das sind Mindestvoraussetzungen für Teilhabe, Gerechtigkeit und demokratische Resilienz. All das würde echte Teilhabe ermöglichen – und ein demokratisches Gegengewicht zur Debatte um Zwangsdienste schaffen.


Aktuell ist eine Rückkehr zur Wehrpflicht zwar „vorerst“ vom Tisch – weil die SPD im Bund nicht mitzieht. Doch allein dieses „vorerst“ lässt tief blicken. Denn mit dem Vorschlag eines neuen „attraktiven Wehrdienstes“, der „zunächst auf Freiwilligkeit basiert“, wurde ein Türspalt bewusst offen gelassen. Die Union betont klar: Wenn sich nicht genug Freiwillige melden, soll aus „freiwillig“ schnell wieder „verpflichtend“ werden.


Gleichzeitig wird über eine Wehrpflicht auch für Frauen diskutiert – als ließe sich Gleichstellung durch Gleichmacherei im Zwang erreichen. Doch was auf den ersten Blick wie ein Schritt in Richtung Emanzipation wirkt, ist bei genauerem Hinsehen vor allem Teil eines imagepolitischen Kalküls: Der Begriff der Gleichberechtigung wird vorgeschoben, um einen modernen Anstrich zu verleihen. Tatsächlich steht die Debatte nur deshalb im Raum, weil es der Bundeswehr schlicht an Personal fehlt. 


Unionsfraktionschef Jens Spahn forderte zuletzt 50.000 bis 60.000 zusätzliche Soldat*innen, um die Verteidigungsfähigkeit sicherzustellen. Derzeit zählt die Bundeswehr rund 180.000 Angehörige.* Nach eigenen Angaben fehlen bereits jetzt mindestens 20.000 Kräfte, um NATO-Verpflichtungen erfüllen zu können.** Mit einer progressiven, feministischen Idee hat das wenig zu tun. Echte Gleichberechtigung bedeutet nicht, alle gleich zu verpflichten – sondern allen gleich gute Chancen zu eröffnen, mit einer angemessenen Bezahlung. Auch – und gerade – im sozialen Bereich.

Hinzu kommt: Die geplante stärkere Präsenz von Jugendoffizieren an Schulen, die laut Koalitionsvertrag einen „wichtigen Bildungsauftrag“ erfüllen sollen, zeigt, wohin die politische Reise geht. Doch Schulbildung ist Ländersache – und viele Bundesländer dürften sich gegen diese Form der „Bildungsarbeit“ wehren. Denn wenn der „Bildungsauftrag“ zunehmend in Richtung Wehrfähigkeit verschoben wird, stellen sich grundsätzliche Fragen:

Warum ist man politisch so schnell bereit, junge Menschen in Uniformen zu stecken – aber so langsam, ihnen Räume für soziales Engagement zu schaffen?


Freiwilligendienste wie das FSJ fördern Empathie, Teamgeist, Verantwortungsbewusstsein – dies sind Kompetenzen, die eine stabile Demokratie braucht. Und doch fehlt es weiterhin an struktureller Anerkennung, ausreichender Finanzierung und politischen Prioritäten.


Denn ein Land wird nicht stärker, indem es mehr Soldat*innen ausbildet. Es wird stärker, wenn es junge Menschen ermutigt, füreinander einzustehen und genau dafür steht das FSJ. Es gehört nicht in die Lücke – sondern ins Zentrum unserer gesellschaftspolitischen Debatte.


*Quelle: Bundeswehr, Meldung, Karriere, Jobporträts; 2025

**Quelle: Bundeswehr; Meldung; Bündnisverteidigung; Für Sicherheit und Stabilität: Deutschland in der NATO; 2025


Bild: Juliane Sonntag | Credit: IMAGO/
Bild: Juliane Sonntag | Credit: IMAGO/

 
 
 

2 Kommentare


pelle.degen
25. Juni 2025

Ich hatte mal zum Thema Frauen und gleichberechtigter Pflichtdienst diesen sehr guten Pro- Kontra-Text bei der Taz gelesen (https://taz.de/Pro-und-Contra-Wehrpflicht-fuer-Frauen/!6013508/) der beide Dimensionen sehr schlüssig aufmacht.

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Joana Zimmermann
Joana Zimmermann
26. Juni 2025
Antwort an

Interessante Debatte in der taz. Mein Kommentar: Grundsätzlich halte ich von einer Verpflichtung – egal welchen Geschlechts – nichts. Den Punkt von Doris Akrap, dass sich Männer in einem gleichberechtigten Staat durch den Musterungsfragebogen „diskriminiert“ fühlen könnten, finde ich mehr als „interessant“. Wer hat das System Militär denn überhaupt erfunden? – Männer. Wenn sie sich daran nun stören, wäre das ein guter Anlass, patriarchale Strukturen grundsätzlich zu hinterfragen und abzubauen, statt nach gleichem Verpflichtungszwang zu rufen.

Es gäbe außerdem deutlich sinnvollere Stellschrauben für echte Gleichstellung – etwa die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen oder konkrete Maßnahmen gegen den Gender Pay Gap. Auch Akraps Argument, Frauen würden bei militärischer Tauglichkeit „nur halb ernst genommen“, passt eher zu Themen wie unbezahlter Care-Arbeit oder eben…

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